Der Jud‘ ist schuld!

Wenn man sich als Atheist, so zu sagen als Aussenstehender, mit Religionen und deren Geschichte beschäftigt, wird man gerne als Religiöser belächelt, der sich nicht „outen“ möchte. Doch durch das betrachten religiöser Ideen und deren Werdensgeschichte, lassen sich, auch heute noch, viele politische Vorgänge besser erklären, auch wenn diese vordergründig gar keinen religiösen Hintergrund zu haben scheinen. Das prominenteste Beispiel ist hier der Antisemitismus und sein perfider Bruder, der „Antizionismus“. Doch alles der Reihe nach.

Der europäische Antisemitismus hat seinen Ursprung in der Legende der „Christusmörder“. Für die frühen europäischen Christen stand eines fest: Wenn die Juden es schaffen, den Sohn Gottes am Kreuze sterben zu lassen, dann müssen sie erstens das absolut Böse sein und zum anderen extrem mächtig. So wurde den jüdischen Gemeinden im Mittelalter alles in die Schuhe geschoben, was an Katastrophen und Unglücken gerade gelegen kam: die Pest, Hungersnöte, Kriege, etc. Das die Juden ebenfalls an der Pest starben, Hungerlitten und im Krieg umkamen sind Details, die den überzeugten Antisemiten bis heute nicht in seiner „Argumentation“ stören. Auch Martin Luther, der oftmals als Vater der Glaubensfreiheit dargestellt wird, fabulierte 1543 „Von den Juden und ihren Lügen“. Solch ein, vom Who-is-who der christlichen Vordenker, zementiertes Feindbild taugt natürlich als Sündenbock für so ziemlich alles. Als dann der Geheimdienst des zaristischen Russlands, mit den „Protokolle[n] der Weisen von Zion“ die Legende einer jüdischen Weltverschwörung erfand, stieß dies natürlich auf offene Ohren. „Man hat’s ja schon immer gewusst: Der Jud‘ ist schuld!“ Der rassistische Antisemitismus der Nazis ist dann lediglich der erbärmliche Versuch, den christlichen Antisemitismus in einen „natürlichen bilogischen“ Rahmen zu setzen. Die Lutheraner hatte der Führer dabei sicher auf seiner Seite. So schrieb der lutheranische Landesbischof Martin Sasse 1938: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. (…) In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet [Martin Luther] im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.

Doch neben dem christlichen Antisemitismus existiert auch noch der islamische Antisemitismus. Dieser fusst auf der islamischen Teilung der Gesellschaft. Der Islam kennt drei „Klassen“ von Menschen: Muslime (besitzen volle Rechte), Dhimmis (Christen, Juden, Zoroastrier, geduldete Nichtmuslime, Menschen „zweiter Klasse“), Harbis (Sowohl Atheisten, Polytheisten, als auch andere Nichtmuslime, die nicht unter islamischer Herrschaft stehen, Rechtlose). In dieser klassischen Einteilung sind Juden benachteiligte, wie alle anderen, wenn auch hier schon die Juden als „erbittertste Gegner des Glaubens“ gelten. Der heute zu Tage tretende Antisemitismus eines Ahmadinedschad hat seine Wurzeln in den 1930er Jahren. Damals exportierte der Naziradiosender „Radio Zeesen“ den christlichen Antisemitismus in den Nahen Osten. „Radio Zeesen“ verbreitete Nazipropaganda, die wie oben geschildert auf den christlichen Ressentiments beruht, in arabischer, persischer und türkischer Sprache. So wurden auch die „Protokolle der Weisen von Zion“ in der islamischen Welt populär, auf die sich auch heute noch die Terrororganisation Hamas in ihrer „Charta“ beruft. Spätestens nach der Gründung Israels hatte sich die christliche Wahnvorstellung von einer „jüdischen Weltverschwörung“ auch in der islamischen Welt durchgesetzt, in der sie bis heute als Mehrheitsmeinung überdauert, während im post-christlichen Europa sich eine neue Spielart des Antisemitismus verbreitet hat: der „Antizionismus“.

Der klassisch-christliche Antisemitismus ist in Europa praktisch nur noch bei den Hohmanns und Ratzingers zu finden, wenn diese über Tätervölker schwadronieren oder für das „Seelenheil“ der Juden beten und damit ihren eigenen Starrsinn meinen. Der neue Antisemitismus kommt ohne Antisemiten aus, wie schon der Publizist Henryk M. Broder kürzlich vor dem Innenausschuss des Bundestages anmerkte. Der Antizionist ist der Judenhasser von heute. Doch sein Objekt des Hasses ist nicht der Jude, sondern Israel, der „Staat gewordene Jude“. Auch wenn dieser „Antizionismus“ nicht mehr religiös ist, bedient er sich doch der gleichen Stereotypen und Verallgemeinerungen. Die „jüdische Weltverschwörung“ wird kurzerhand durch die „Israel-Lobby“ ersetzt. Und aus dem „Brunnenvergifter“ wird das „Besatzerregime in Palästina“. Das all diese Verallgemeinerungen und Stereotype der israelischen Realität nicht nahe kommen, bzw. dieser eklatant widersprechen, stört den Antizionisten genauso wenig, wie die jüdische Realität den Antisemiten stört.

Dazu ein paar Fakten: 75 % der Israelis sind Juden, davon 42 % aus muslimischen Ländern (oftmals Vertriebene), 20 % sind muslimische Araber, die restlichen 5 % verteilen sich auf andere Minderheiten, wie Armenier, Drusen, arabische Beduinen und andere. Desweiteren ist Israel der einzige Staat des Nahen Ostens, der demokratisch ist und die Menschenrechte garantiert. Die oft von Antizionisten vorgebrachte Behauptung, dass Israel in großem Stil die Araber vertrieben habe, ist gelinde gesagt schwachsinnig. Ein Großteil davon ging freiwillig während des Krieges von 1948 (der von den arabischen Nachbarstaaten begonnen wurde), um nicht im Weg zu sein, wenn „die Juden ins Meer getrieben“ werden. Hier wird von westlichen Antizionisten, genauso, wie von den Terrororganisation Hamas und Hisbollah, sowie Berufsantisemiten wie Ahmadinedschad ein „Rückkehrrecht“ angemahnt. Vom „Rückkehrrecht“ der aus arabischen Staaten vertriebenen Juden spricht freilich niemand, dazu sind sich Antizionisten und Antisemiten schlicht zu ähnlich.

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